wir weit weg – Geschichte eines Projektdurchlaufs

„Portugal war super. Ich habe mit meiner Mama gesprochen. Ich will jetzt das Abitur machen. Danach bin ich 18 und dann will ich einen Volunteer machen. Am liebsten dort in Lissabon“

(Maja (15), Teilnehmerin wir weit weg Helmholtz Oberschule 9. Klasse)

Im Herbst 2017 trafen sich 10 junge Erwachsene zwischen 19 und 28 und das hauptamtliche Koordinationsteam zu einem Vorbereitungswochenende. Alle wollten sich als Coach engagieren und im Laufe des kommenden Jahres in einem Zweierteam mit einer Gruppe Jugendlicher nachmittags, nach dem Unterricht an einer Oberschule eine internationale Jugendbegegnungen entwickeln. An diesem Wochenende machten sie sich mit dem Projekt vertraut und versuchten ein Gespür für die Aufgabe und die eigenen Gestaltungsspielräume zu entwickeln. Dazu gab es Einheiten zu Teambuilding und  Projektplanung sowie verschiedene theoretische Inputs rund um interkulturelles Lernen und Partizipation. Dabei wurden Methoden der non-formalen Bildung eingesetzt und auch immer auf der Metaebene auf ihre Einsatzmöglichkeiten in der Arbeit mit den Jugendlichen hin reflektiert. Wichtig war zudem, dass sich hier die Teams finden konnten und ein Group-spirit entstand. Coaches und Projektleitung trafen sich im Zuge des Projekts immer wieder gemeinsam zum Erfahrungsaustausch oder zu Schulungstagen zu Themen wie Förderanträge oder Organisatorische Fragen rund um Jugendbegegnungen.

Eindrücke vom Coachwochenende

Im Nachgang des Wochenendes hatten sich die Teams richtig gefunden und Teams und Schulen gematcht. Wenige Wochen später starteten standen die Coaches im Unterricht vor 8. Klassen an Oberschulen und stellten wir weit weg vor. Mit einem Film von einer Jugendbegegnung  und meist einer persönlichen Geschichte: Warum macht mir internationale Jugendarbeit Spaß und warum möchte ich mit euch eine internationale Jugendbegegnung auf die Beine stellen?” So versuchten die Coaches die Schülerinnen und Schüler für das Projekt zu begeistern. Beim ersten offenen Gruppentreffen, meist in der folgenden Woche,  tauchten dann in der Regel viele Neugierige auf. Oft kamen zu den ersten Treffen zwischen 20 und 40 Jugendlichen. Als die Jugendlichen merkten, dass das Projekt mit “Arbeit” verbunden ist, schrumpfte die Gruppe in der Regel auf eine arbeitsfähige Größe von 8 bis 15 Personen.

In den ersten Gruppentreffen ging es darum, sich untereinander kennenzulernen, Regeln für das Miteinander zu entwickeln und Spaß zu haben. All dies aber immer hergeleitet von dem Ziel gemeinsam eine internationale Jugendbegegnung zu gestalten. Nachdem das Miteinander etabliert war, stellten die Coaches vor, in welchen Ländern wir Partnerorganisationen haben. Die Jugendlichen wurden aufgefordert in Kleingruppen kleine Präsentationen zu den Ländern vorzubereiten. Falls sich Teilnehmende für ein ganz anderes Land interessierten, konnten sie auch dieses vorstellen. Nur in Europa sollte es sein, weil das die Finanzierung und Reiseorganisation mit Minderjährigen deutlich leichter macht. Dies wurde auch immer transparent kommuniziert. Nach den Länderpräsentation kam es dann zur großen Abstimmung in welchem Land die Jugendbegegnung idealerweise stattfinden soll. Die Wahlmethoden variierten von einer geheimen Urnenwahl bis hin zum Konsensualisieren. Manchen Caches gelang es  auch diese Abstimmungsmethoden mit den Jugendlichen zu reflektieren. Dann war es ein sehr schönes Beispiel für gelungene Demokratie Bildung.

„Dieses Projekt ist das beste was Euch in Eurem Leben passieren kann!“

(Frau Brauer, Stellvertretende Schulleiterin an der 56. Oberschule zu den Teilnehmenden bei einem der ersten wir weit weg Treffen der Generation 17/18)

Nachdem das Zielland klar war, ging es darum einen Partner vor Ort für das Projekt zu gewinnen. Hierbei unterstützte die Projektleitung wesentlich die Coaches. Parallel begannen die Coaches mit den Jugendlichen zu überlegen, welche Themen und Methoden in der Jugendbegegnung. Da die Jugendlichen, denen wir im Projekt begegneten, oft kaum Hobbies hatten, an die sich ohne weiteres anknüpfen ließ, wurden auch verschiedene Methoden und Tätigkeitsfelder vorgestellt. Gemeinsam wurde dann ein Programm für eine internationale Jugendbegegnung entwickelt. Da die Teilnehmenden stark in die Programmplanung eingebunden wurden, waren sie manchmal etwas eklektisch. Aber uns ging es um maximale Partizipation am Prozess und nicht um die unter didaktischen Kriterien beste Jugendbegegnung. Den Förderantrag auf Basis des entwickelten Programms und in Absprache mit dem/n Partnerorganisation/en im Ausland schrieben dann die Projektleitung zusammen mit den Coaches.

Unsere internationalen Partnerorganisationen

Als der Förderantrag eingereicht war, wurde erst mal gefeiert. Für die Gruppe begann jetzt allerdings die schwierigste Phase im Projekt. Das Warten und die Unsicherheit, ob die Begegnung finanziert werden würde. Die meisten Gruppen nutzten diese Zeit für einen etwas weniger engen Rhythmus der Gruppentreffen, zumal diese Zeit oft in die Semesterferien fiel. Um die Gruppe zusammenzuhalten und die anderen Lernziele zu erreichen, wurden in dieser Phase gemeinsame Aktivitäten durchgeführt, wie beispielsweise erlebnispädagogische Maßnahmen, Workshops zu den Themen Diversität und Diskriminierung oder aber auch mal ein Ausflug in die Kletterhalle oder einen Escape-Room. 

Wenn dann endlich die Nachricht mit der Bewilligung der Jugendbegegnung kam, machten sich Coaches, Gruppe und Projektkoordination an die Vorbereitung. Wie sollte die Reise ablaufen? Wo kommen wir unter? Was bringen wir in das Programm ein? Zum Teil stellten sich die Gruppen aus Deutschland und dem Ausland schon mal gegenseitig per Video vor. In der Regel traf sich in dieser Phase auch ein Coach zum vorbereitenden Planungsbesuch mit Teamern/Coaches der ausländischen Partnerorganisation. 

Die Jugendbegegnung

Dann war es schließlich so weit. Die Coaches und die Teilnehmenden trafen sich am Fernbus-Bahnhof. Wichtig, sich von allen die Reisedokumente zeigen lassen. Sonst muss noch jemand hinterher fahren, weil nicht alle mitfliegen können. Angekommen am Zielort warteten schon die anderen Jugendlichen gespannt. Erstes Begrüßen, Beobachten und Schauen. Nach dem Beziehen der Zimmer in der gemeinsamen Gruppenunterkunft erste Treffen mit Kennenlern und Teambuilding-Methoden. Die Tage der Begegnung sind von einem bunten Workshop-Programm geprägt: Klettern, Graffiti, Sprach-Animation, Theater, Stop-Motion-Videos, eine Straßenaktion zu Freundschaft in Europa, interkulturelles Picknick am Strand  und viele weitere Aktivitäten. So konnten die Teilnehmenden erleben, dass sie in kleinen internationalen Gruppen etwas können: eine Straßen-Kampagne auf die Beine stellen, eine Performance erarbeiten, ein Ziel trotz Hindernissen erreichen, ein Instrument aus Schrott produzieren können, obwohl alle nur eingeschränkt gut auf Englisch kommunizieren. Die abendlichen Feedbackrunden halfen das Programm an die Bedürfnisse der Gruppe auch noch spontan anzupassen. Gerade bei den Teilnehmenden mit geringen Englischkenntnissen erwiesen sich neben den sprachmittelnden Coaches verschiedene Übersetzungsapps auch als sehr hilfreich. Zum Ende gab es meist eine bunte Abschiedsparty, oft mit einer Talentshow.  Die Abschiede waren Tränenreich.

Eindrücke von den Begegnungen

Nach der Rückkehr dann die Nachbereitung zu Hause. Die Gruppe reflektiert mit den Coaches die Erlebnisse und dokumentiert sie, leistet einen Beitrag zur Erstellung des Nachweises für die Förderer und die Öffentlichkeitsarbeit. Dieser Prozess wird wesentlich von der Projektkoordination vorangetrieben. So eine Rück-Begegnung geplant ist, wird diese nun mit dem ausländischen Partner zusammen vorbereitet. Dabei bringen sich die Jugendlichen wieder in die Programmplanung ein.

 IJA wirkt! Auch bei Jugendlichen, die nicht das Abitur anstreben

Die Erzählung zeigt, wir weit weg ist ein Format der Jugendbildungsarbeit, das internationale Jugendarbeit mit Elementen der politischen Bildung, der kulturellen Bildung sowie der Erlebnis- und der Medienpädagogik kombiniert. Dabei richtet es sich an Jugendliche, die nicht das Abitur anstreben, und damit an eine Zielgruppe, die von fast allen dieser Felder der Jugendbildung bisher unterdurchschnittlich erreicht wird. 

Kern des Projekts sind wie beschrieben Treffen junger Erwachsener, die wir Coaches nennen, mit Jugendlichen nach dem Unterricht in der Schule. Gemeinsam entwickeln sie eine internationale Jugendbegegnung und führen diese durch. Im Zuge dieses Prozesses treffen die Teilnehmenden zusammen mit den Coaches möglichst viele Entscheidungen selber. Auf diese Weise wird die Partizipation der Jugendlichen maximiert. Die Jugendlichen erfahren Selbstwirksamkeit und erlernen grundlegende demokratische Entscheidungstechniken. Zudem erhalten die Jugendlichen Einblicke in die außerschulische Bildungslandschaft vor Ort.

wir weit weg förderten in den Jahren 2017 – 2019

die Begegnungen wurden finanziert von

Das Projekt „Wir weit weg“ begibt sich unter das Dach des KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V.

„Wir weit weg“ ist das Motto, unter dem Schülerinnen und Schüler von drei Leipziger Oberschulen zusammen mit ihren Coaches International – Studierende mit Erfahrungen in der internationalen Jugendarbeit – internationale Jugendbegegnungen entwickelten und durchführten. 2016 trafen sich drei Gruppen aus Leipzig mit Jugendlichen in Spanien und Italien. Gemeinsam mit ihren gleichaltrigen Gastgebern verbrachten sie acht Tage mit vielen spannenden Workshops und Ausflügen. Sie sammelten viele Eindrücke und merkten, dass ihr Englisch viel weiterträgt als ihre LehrerInnen meinen und es sich wirklich lohnt Fremdsprachen zu lernen. Vor allem aber hatten sie zusammen sehr viel Spaß. Nicht nur eine Mutter meinte nach der Rückkehr, sie habe ihr Kind noch nie so glücklich nach Hause kommen sehen.

Die Vorbereitung dieser Begegnungen war aufwendig. Über ein Jahr trafen sich die Leipziger Gruppen an einem Nachmittag in der Woche mit ihren Coaches. Gemeinsam überlegten sie, wo die Reise hingehen soll. Sie suchten Partnerorganisationen im Ausland, bemühten sich erfolgreich um eine Förderung der Begegnungen über das Programm ERASMUS+ der Europäischen Union und entdeckten in Leipzig viele Angebote der außerschulischen Bildung.

Initiiert worden war das Projekt von der freischaffenden Theaterpädagogin Katharina Wessel und der damals noch existierenden Fachstelle Internationale Jugendarbeit des Amts für Jugend Familie und Bildung der Stadt Leipzig. Die Koordinatorin und die Coaches wurden während der Projektlaufzeit von drei Partnereinrichtungen in Leipzig unterstützt: der JugendKulturWerkstatt JoJo, dem Geyserhaus e.V. und dem KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. Die wöchentlichen Treffen sowie eine Aufwandsentschädigung für die Coaches ermöglichte der Innovationsfonds des Kinder- und Jugendplan des Bundes.

Nachdem sich Mitte 2016 abzeichnete, dass die Initiatorinnen das Projekt nicht weiterführen wollen, meldete sich eine Gruppe der Coaches um Babette Pohle beim Wettbewerb Startsocial an. Im Zuge des Beratungsstipendiums wollten sie überlegen, wie es mit dem Projekt weitergehen könnte. Denn eins war klar, das erfolgreiche Projekt sollte wenn irgend möglich weitergeführt werden. „Für die Coaches wäre es reizvoll gewesen einen eigenen Verein zu gründen, um das Projekt selbst in der Hand zu haben und es als eigene Marke platzieren zu können.“ sagte Dianna Tillmann. Babette Pohle ergänzt: „Es überwog allerdings der Wunsch gleich mit den Jugendlichen weiter arbeiten zu können. Die Gründung eines eigenen Vereins hätte bestimmt ein Jahr Kapazitäten gebunden. Daher entschlossen wir uns, uns dem KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. anzuschließen, dessen Projektleiter Internationale Arbeit uns bereits 2015/16 tatkräftig unterstützt hatte.“

Christian Schmidt-Rost, Projektleiter Internationale Arbeit, freut sich darüber sehr: „Gemeinsam wollen wir „wir weit weg“ weiterentwickeln. Unsere Erfahrungen aus dem Schuljahr 2017/18 werden wir dann außerdem in einem Handbuch veröffentlichen, dass es auch anderen Organisationen ermöglichen wird, das Projekt in ihrem Umfeld umzusetzen. So hoffen wir, dazu beizutragen, dass möglichst viele Jugendliche eine internationale Erfahrung machen können. Denn das großartige an diesem Projekt ist, dass Jugendliche für internationale Begegnungen begeistert werden, die nicht das Abitur anstreben und die bisher viel seltener an internationalen Projekten teilnehmen.“

Für das Schuljahr 17/18 suchen wir noch drei Partnerschulen – Eine in Leipzig und zwei in Leipziger Land oder Chemnitz. Geplant ist, dass das Projekt in den kommenden Jahren wächst und auch noch an weiteren Schulen aktiv werden wird. Interesseierte Schulen können sich bei Christian Schmidt-Rost, Projektleiter Internationale Arbeit melden.

Ebenfalls suchen wir noch weitere engagierte Coaches. Interessierte sollten mitbringen: fünf Stunden Zeit pro Woche, Spaß an der Arbeit mit Jugendliche auf Augenhöhe, idealerweise etwas Erfahrung in der internationalen Jugendarbeit. Allerdings ist es ein Projekt, in dem auch die Coaches viel lernen können. Interessierte melden sich ebenfalls bei Christian Schmidt-Rost.