Fünf internationale Jugendbegegnungen, ein Geburtstag, ein Fachkräftetraining und die Evaluation: das war 2019

Als Team der Internationalen Arbeit der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. brachten wir 2019 knapp 120 Jugendliche aus Leipzig und Chemnitz mit 70 Jugendlichen aus anderen europäischen Ländern zusammen. Wie schon für dieses Jahr wird unser guter Vorsatz für das kommende Jahr sein, weiterhin Jugendliche nachhaltig für internationale Jugendbegegnungen zu begeistern.

„Die Erfahrungen der Jugendbegegnung werden mir definitiv helfen, weil ich hab mein Englisch meines Erachtens recht verbessert. Ich meine wir haben das halt sehr viel gesprochen, genau, und man ist halt teamfähiger geworden. Und man hat halt auch mal eine andere Meinung gehört und nicht nur so von den Leuten, die man kennt, sondern auch so von den Fremden” – so fasste eine Teilnehmerin einer „wir weit weg“-Gruppe zusammen, was sie aus der internationalen Jugendbegegnung mitgenommen hat. Gemeinsam mit anderen Schülerinnen und Schülern ihrer Schule entwickelte sie von 2017 bis 2018 eine trilaterale Jugendbegegnung in Thessaloniki und die dazugehörige Rückbegegnung in Leipzig.

Insgesamt fanden 2019 vier Rückbegegnungen statt – drei davon waren aus dem wir weit weg-Projekt entstanden, eine gehörte in die Begegnungsreihe „Mein Bild, Dein Bild, Unser Bild“, die wir gemeinsam mit der Helmholtz-Oberschule durchführen. Die Jugendlichen aus Leipzig und Chemnitz empfingen ihre Freunde und Freundinnen aus Finnland, Frankreich, Griechenland, Polen und Portugal. Diesmal waren sie die Gastgeber und Gastgeberinnen. Gemeinsam beschäftigten sie sich mit Outdoor- und Sportaktivitäten, verständigten sich über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Alltagskulturen, sprühten Graffitis (legal!), bemalten Beutel und T-Shirts. Die Chemnitzer Gruppe initiierte sogar eine Straßenkampagne in der Chemnitzer Innenstadt, um den dort Wohnenden die Idee von Interkulturalität und Europa näher zu bringen.

Außerdem standen eine trilaterale Jugendbegegnung in Serbien mit Jugendlichen aus Deutschland, Serbien und Belgien im Juli, unsere große wir weit weg-Geburtstagsfeier im November und das multilaterale Fachkräftetraining ebenfalls im November auf unserem Programm. Die wir weit weg-Projektphase 2017 bis 2019 wurde zudem vom Lehrstuhl für Medienkompetenz- und Aneignungsforschung der Uni Leipzig evaluiert mit dem, nun auch empirisch belegten, Ergebnis, dass das Projekt einen großen Mehrwert für alle Beteiligten darstellt. Auch aus der Evaluation zu erfahren sind wichtige Gelingensbedingungen für das Projekt, so dass andere Organisationen sich dort Inspiration und Rat suchen können, wenn sie selbst planen, wir weit weg in ihrem Kontext umzusetzen.

Ausblick 2020

Nächstes Jahr gibt uns die Finanzierung durch das Amt für Jugend, Familie und Bildung die Möglichkeit, die drei wir weit weg-Gruppen in Leipzig zu erhalten und zwei bis drei weitere offen ausgeschriebene Jugendbegegnungen zu organisieren. Wir werden voraussichtlich im Sommer unser Handbuch veröffentlichen, in dem beschrieben wird, wie man internationale Jugendbegegnungen partizipativ gestalten kann.

Auf Grund der auslaufenden Förderungen durch den Innovationsfonds des BMFSFJ und der Robert Bosch Stiftung werden wir ab 2020 nunmehr zu dritt im Büro sein – Christian Schmidt-Rost (Projektleiter), Babette Pohle (Öffentlichkeitsarbeit) und Sander Saksenvik (Europäischer Freiwilligendienstleistender aus Norwegen).

Frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr!

So wünschen wir Ihnen/Euch auch dieses Jahr wieder frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr. Unseren Partnerorganisationen, Coaches, Teamenden, Förderern (Amt für Jugend, Familie und Bildung der Stadt Leipzig, Innovationsfonds des Kinder- und Jugendplans des BMFSFJ, Erasmus+ JUGEND IN AKTION, Robert Bosch Stiftung, Deutsch-Polnisches Jugendwerk, Deutsch-Französisches Jugendwerk, Landesdirektion Sachsen) und Unterstützerinnen und Unterstützern danken wir für die Zusammenarbeit und freuen uns auf kommende Kooperationen.

Möge Ihr/Euer kommendes Jahr ebenso vielfältig und reich an (internationalem) Austausch sein, wie es das unsere 2019 war und 2020 zu werden verspricht.

Herzlich, das Team Internationale Arbeit der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V.:

Christian Schmidt-Rost, Anne Mühlich, Fina Wiese, Sander Saksenvik, Babette Pohle

Gäste aus der Ukraine

Text: Matthias Heinz (Geschäftsführer KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V.)

Vom 7. bis 10. Dezember besuchte eine Delegation unserer ukrainischen Partner, welche, wie die KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. auch, Mitglied der europäischen Dachorganisation EAICY sind, Einrichtungen unseres Vereins. Teilnehmende waren eine Professorin der Akademie der Wissenschaften der Ukraine, der Direktor des staatlichen Zentrums für außerschulische Bildung der Ukraine, ein Vertreter des Bildungsministeriums des Landes und ein Vertreter einer außerschulischen Einrichtung.

Gemeinsam wurden Perspektiven für die weitere Zusammenarbeit und Erfahrungen in der Methodik der Sozialarbeit in Kinder-und Jugendeinrichtungen ausgetauscht. In einer sehr anregenden Arbeitsgesprächsrunde informierten sich beide Seiten darüber hinaus über die Strukturen der Bildungs-und Jugendhilfesysteme der beiden Länder. Die ukrainischen Gäste waren sehr dankbar dafür, mit Erzieher*innen und Sozialpädagog*innen unseres Vereins vor Ort ins Gespräch zu kommen.

Ein wichtiger Gesprächspunkt war die Gewinnung und Ausbildung von Fachkräften der sozialen Arbeit sowie ein anzustrebender Fachkräfteaustausch. Für den April 2020 wurde bereits jetzt ein Gegenbesuch einer kleinen Delegation unseres Vereins in Kiew abgesprochen, bei denen der begonnene Dialog und der Weg der Zusammenarbeit fortgesetzt werden sollen.

Neben der Bearbeitung der zahlreichen Arbeitsthemen und den Besuchen in Einrichtungen der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. blieb auch noch etwas Zeit, die Innenstadt von Leipzig mit Weihnachtsmarkt, das Völkerschlachtdenkmal und auch kulturelle sowie kulinarische Spezialitäten der Stadt Leipzig kennen zu lernen.

Für die Unterstützung bei der Realisierung des sehr erfolgreichen Besuches der ukrainischen Delegation möchten wir uns bei folgenden Kolleg*innen und Partnern der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V. sehr herzlich bedanken:

Sylke Kirst (GS), Kristina Apitz (Kita „Kleine Füchse), Babette Pohle (Internationale Arbeit), Jacob Gloger (GS), Peter Wetzel (Vorstand), Christian Schmidt-Rost (Internationale Arbeit), Annegret Narr, Benjamin Schwarz (beide OS Paunsdorf), Jochen Janus (Kulturwerkstatt KAOS), der Schulleitung der OS Paunsdorf und dem Vorstand des Inspirata e.V.

Mehrwert und Gelingensbedingungen von wir weit weg: Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation (2018-2019)

Zwischen Oktober 2018 und Dezember 2019 wurde das Projekt wir weit weg durch den Lehrstuhl Medienkompetenz- und Aneignungsforschung der Universität Leipzig evaluiert. Die verschiedenen Akteursgruppen aus dem Durchgang 2017 bis 2019 – Teilnehmende, Coaches, Schulsozialarbeiter*innen und die Projektkoordination – wurden quantitativ und qualitativ zu ihren Erfahrungen aus dem Projekt befragt.

Insgesamt hatte, so ein Ergebnis der Evaluation, das Projekt für die Mehrheit der befragten Teilnehmenden (21 von 24) einen hohen Stellenwert und sie sind „stolz auf das Projektergebnis“.

Mehrwert für die Teilnehmenden

Neben den geringen Kosten für die teilnehmenden Jugendlichen stellten die Steigerung des Selbstvertrauens, der Ausbau von interkulturellen Kompetenzen, Team- und Kommunikationsfähigkeiten, der Abbau von Sprachbarrieren und neue Freundschaften den Mehrwert des Projekts für die Teilnehmenden dar. Einige von ihnen können sich nun vorstellen, ein Praktikum oder einen Freiwilligendienst im Ausland zu absolvieren oder selbst als Coach/Teamer*in aktiv zu werden.

„Also die Begegnung war für mich selber sehr UNVERGESSLICH. Es war eine der schönsten Zeiten, ich habe das Land kennengelernt, habe neue Persönlichkeiten kennengelernt, habe einfach Eindrücke von anderen Lebensweisen bekommen und habe auch ein bisschen GELERNT oder mal über mein Leben nachgedacht, weil es ist ja nun mal dort so ist, dass jetzt nicht jeder von denen ein Handy hatte und die haben sich das halt geteilt und sind trotzdem glücklich, da habe ich schon so nachgedacht, vielleicht brauche ich jetzt doch nicht unbedingt ein iPhone oder so” (Zitat Teilnehmerin).

Mehrwert für die Coaches

Auch die ehrenamtlichen Coaches zogen für sich viel Mehrwert aus dem Projekt. Neben persönlichen Kompetenzen wie Selbstvertrauen und Stressbewältigung nahmen sie Berufserfahrungen für die Arbeit mit (Jugend-)Gruppen, im Bereich Zeitmanagement und Kommunikation sowie in der Förderantragstellung mit.

„Ich habe viel gelernt darüber, wie es ist, vor Gruppen aufzutreten und gerade auf jeden Fall mein Selbstbewusstsein wurde dadurch gestärkt und ich habe auch das Gefühl, dass ich mir mehr zutraue auf jeden Fall. Ich glaube, ich bin entspannter geworden und muss nicht alles im Vorhinein durchgeplant haben, sondern habe gelernt, dass es auch gelingen kann, wenn es ein bisschen spontaner ist.“ (Zitat Coach*in)

Mehrwert für die Schulen

Für die Schulen ist es vor allem die Internationalisierung des Schulprofils sowie die Anschlussfähigkeit der im Projekt gesetzten Themen im Unterricht, die die Schulleitungen überzeugten, das Projekt bei sich anzugliedern. Außerdem sehen sie es als eine kostengünstige Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler ins Ausland zu gehen, die sie sich selbst erarbeiten:

„Ich war sehr erstaunt über dieses Angebot und ich denke, dass das eine recht einmalige Chance ist so etwas, ja, zu bekommen. Eine Gruppe, die sich selbst ein Ziel erarbeitet, sich intensiv selbst darauf vorbereitet und das insofern auch nicht einfach nur geschenkt kriegt, sondern daran arbeitet und sich auch die Reise ein stückweit verdient dadurch, aber dass eben so gut wie keine Kosten durch die Familien entstehen und die Schüler also diese Chance haben“ (Zitat Schulleitung).

Gelingensbedingungen

Um das Projekt wir weit weg in der eigenen Organisation umzusetzen, ist es hilfreich, die eigenen Ressourcen auf ein paar Gelingensbedingungen zu untersuchen. Die folgenden Gelingensbedingungen für die Projektumsetzung hat die wissenschaftliche Evaluation ergeben:

  • Finden von Schulen als Projektpartner
  • Auswahl qualifizierter Coaches
  • Motivation von Schüler*innen zur Teilnahme am Projekt
  • Sicherstellung der finanziellen Mittel zur Projektumsetzung
  • Finanzielle Ressourcen für Arbeitskräfte
  • Transparente Aufgaben- und Rollenerwartungen aller Projektbeteiligten und Konsens bezüglich deren Einhaltung
  • Feste Ansprechpartner*innen mit ausreichend Kapazitäten zur Lösungsfindung
  • Strukturierte und nachhaltige und transparente Kommunikation

Wenn dritte Organisationen zukünftig das Projekt bei sich umsetzen wollen, bieten wir ihnen an, sie mit unseren Erfahrungen aus den vergangenen fünf Jahren zu unterstützen.

Kontakt

Mail: international@kv-leipzig.de

Telefon: 0341 92607353

Inhalt trifft Form: Multilaterales Fachkräftetraining zu partizipativer Jugendarbeit

Was verstehen wir unter partizipativer Jugendarbeit? Was braucht es dafür und was ist der Mehrwert? Und wie können wir partizipatives Arbeiten in unseren Alltag integrieren? Beim multilateralen Fachkräftetraining „Let Youth Take Control“, welches vom 17. bis 22. November 2019 in Naunhof bei Leipzig stattfand, wurden einige Definitionen erarbeitet und weitere Kooperationsprojekte angestoßen.

“Wir sind uns darüber im Klaren, dass Partizipation von jedem und jeder hier anders verstanden wird. Darum suchen wir nach den gemeinsamen Anknüpfungspunkten“, so Jenna aus Virrat, Finnland und Teilnehmerin beim multilateralen Fachkräftetraining „Let Youth Take Control“. Insgesamt 28 Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, ehrenamtliche Jugendgruppenleiterinnen und Jugendgruppenleiter sowie Projektkoordinierende aus Portugal, Spanien, Frankreich, Deutschland, Polen, Finnland, Griechenland und Malta beschäftigten sich bei “Let Youth Take Control” mit den Möglichkeiten der partizipativen Gestaltung von internationaler und lokaler Jugendarbeit. Dazu glichen sie zu Beginn die eigenen Vorstellungen und Definitionen von Partizipation ab.

Folgende Definition von Partizipation haben die Teilnehmenden in Gruppen erarbeitet: „Partizipation ist ein gemeinsamer Prozess, bei der die Beteiligten freiwillig an einer Sache auf ein Ziel hinarbeiten. Dieser Prozess ist charakterisiert durch Eigeninitiative, Entscheidungsfindung, Kreativität, Zusammenarbeit und Vertrauen. Durch diesen Prozess werden die Beziehungen in der Gruppe gestärkt, der Prozess macht Spaß und geht mit unterschiedlichen Lernerfahrungen einher. Er bringt Veränderungen, Innovationen, neue Ideen und Problemlösungen mit sich.“

Wie integrieren wir Partizipation in unsere tägliche Arbeit?

Im nächsten Schritt sollte es darum gehen, den Jugendlichen, mit denen die Teilnehmenden des Trainings täglich zu tun haben, Partizipation zu ermöglichen. „All die Jahre haben wir uns auf das Ergebnis, die internationale Jugendbegegnung konzentriert. Doch wäre es für mich viel interessanter, den Fokus auf den Entstehungsprozess zu legen und die Jugendlichen darin einzubinden. Ich bin überzeugt, dass auf diese Weise die Jugendbegegnung viel nachhaltiger wird“, fasst Smaro aus Thessaloniki, Griechenland, ihre Intensionen zur Entwicklung partizipativer Projekte zusammen.

In einem Open Space fanden sich Arbeitsgruppen, die gemeinsam Projekte zu ihren konkreten Anliegen entwickelten.

Entstanden sind

  • eine Kooperation, die in einem weiteren Fachkräfteseminar in Malta Projekte zu lokaler partizipativer Jugendarbeit entwickeln wird;
  • eine Kooperation aus Portugal, Finnland, Polen, Griechenland und Deutschland, die in einer Strategischen Partnerschaft Best Practice von internationaler partizipativer Jugendarbeit austauschen will und das anhand der bestehenden Projekte „Star of Europe“ aus Finnland und „wir weit weg“ aus Deutschland;
  • und eine Kooperation aus Griechenland und Finnland, die eine partizipative internationale Jugendbegegnung entwickeln will.

Grenzen und Chancen von Partizipation

Problematisch sahen einige Teilnehmende die unterschiedlichen Auffassungen von Partizipation, die sie in ihren Herkunftsländern vorfinden und so auch bei den Nationalagenturen, wenn es darum geht, gemeinsam mit anderen Ländern internationale Austauschprojekte zu machen. So fragte sich Jenna: „Wie können wir zusammen Projekte entwickeln, wenn die Entscheidungen über die Projektanträge bei den Nationalagenturen liegen, die in jedem Land andere Ansprüche haben und andere Regeln vorgeben?“

Diese Hürden zu thematisieren und vielleicht ein Stück weit aus dem Weg zu räumen, haben sich die oben genannten entstandenen Kooperationen zur Aufgabe gemacht. Insgesamt zeigten sich die Teilnehmenden jedoch sehr angetan vom partizipativen Arbeiten als solchem: „Wir haben im Prinzip auf zwei Ebenen gearbeitet. Wir haben inhaltlich über Partizipation gesprochen, durch die Form des Open Space haben wir aber gleichzeitig auch eine Methode von Partizipation erlebt und kennengelernt. Das war großartig“, so Camille aus Paris, Frankreich.

Das multilaterale Fachkräftetraining “Let Youth Take Control” wurde gefördert von Erasmus+ JUGEND IN AKTION.

 

Fünf Jahre wir weit weg – das war die Geburtstagsfeier

Am 19. November trafen 120 ehemalige und aktuelle Projektbeteiligte von wir weit weg auf der „Fünf Jahre wir weit weg‘“-Geburtstagsparty zusammen. Sie tauschten sich darüber aus, welchen Mehrwert das Projekt und die internationalen Jugendbegegnungen für sie hatte und dachten über die zukünftige Entwicklung nach. Allen gemeinsam war die Faszination darüber, welchen Umfang wir weit weg mittlerweile hat.

„Es ist beeindruckend zu sehen, was alles an dem Projekt dranhängt, wie viele Menschen. Man glaubt das ja gar nicht, an der eigenen Schule ist es halt die kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern und die beiden Coaches“, zeigte sich Liska, wir weit weg-Teilnehmende der Diesterweg-Oberschule Chemnitz, begeistert von der Veranstaltung.

Wie prägend und zuträglich Erfahrungen in der internationalen Jugendarbeit für die berufliche Laufbahn sein können, machte Albert Klein-Reinhardt, Referent für Europäische und internationale Jugendpolitik im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, am eigenen Beispiel fest: „Als ich mich innerhalb des Ministeriums auf die Stelle beworben habe, die ich jetzt ausfülle, wurde ich unter anderem gefragt, was ich denn an Kenntnissen und Erfahrungen im Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe mitbrächte. Da ich kein Jurist bin, erwähnte ich unter anderem, dass ich früher internationale Jugendbegegnungen organisiert und geleitet habe. Wie man heute sieht, wurde entschieden, dass ich der Richtige für diese Stelle sei.“

Fünf Jahre, 120 Jugendliche, sieben Oberschulen, 13 internationale Jugendbegegnungen

Seit Projektbeginn 2014 haben etwa 120 Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren an fünf Leipziger Oberschulen, einer Oberschule in Chemnitz und an der Oberschule Frohburg insgesamt acht internationale Jugendbegegnungen im Ausland entwickelt und durchgeführt. Dazu gab es fünf Rückbegegnungen in Deutschland. Unterstützung bei der Organisation erhielten die Jugendlichen durch jeweils zwei ehrenamtliche Jugendgruppenleiterinnen und Jugendgruppenleiter (die Coaches International) und die hauptamtliche Projektkoordination der KINDERVEREINIGUNG Leipzig e.V.

Bei einer internationalen Jugendbegegnung treffen sich Gruppen von Jugendlichen aus mindestens zwei Ländern für etwa zehn Tage, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. „Fast Feet Slow Food“ war eine der internationalen Jugendbegegnungen, die im Rahmen von wir weit weg entstanden ist. Sie fand 2018 in Griechenland statt, die Rückbegegnung führten die Jugendlichen zusammen mit ihren beiden Coaches 2019 in Leipzig durch. Thematisch drehte sich alles um gesunden Lebensstil, Ernährung und Sport.

„Die Zeit in der internationalen Gruppe hat mich sehr geprägt. Ich war sonst in so größeren Gruppen immer eher zurückhaltend am Anfang. Das Projekt hat mich mutiger gemacht. Später würde ich auch gern als Coach tätig sein“, beschreibt Maja Schreiber, Schülerin an der Helmholtz-Oberschule Leipzig, ihre Erfahrungen, die sie während der Teilnahme am Projekt wir weit weg von 2017-2019 gemacht hat.

„Das Beste: Dieses Projekt ist ein Selbstläufer“

„Wir sind sehr froh und glücklich, dass das Projekt an unserer Schule ist und dass wir so den Schülerinnen und Schülern ermöglichen können, ins Ausland zu reisen, Leute kennenzulernen, die sie auf einer Urlaubsreise nicht kennengelernt hätten, dass sie die Reisen selbst organisieren und ihre Teilnahme vom eigenen Engagement und nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt“, fasst es Frau Noseck, Schulleiterin an der Helmholtz-Oberschule Leipzig zusammen.

Henrik Starke, Schulleiter der 56. Oberschule Leipzig ergänzt: „Das Beste an dem Projekt ist, dass die Schule damit fast nichts zu tun hat. Wir öffnen die Türen, stellen den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern her und stellen die Räumlichkeiten. Ansonsten ist das Projekt ein Selbstläufer.“

Dieser Faktor ist beiden wichtig, wenn es für Träger der außerschulischen Jugendarbeit darum geht, mit Schulen zusammenzuarbeiten. Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleitungen haben im Schulalltag wenig Zeit, sich um zusätzliche Angebote an ihren Schulen zu kümmern. Wenn ein Projekt für das Ganztagsangebot dann nahezu „von allein“ läuft, ist das für eine Kooperation sehr zuträglich.

Ein weiterer wichtiger Punkt für das Gelingen des Projekts ist die Rolle der Coaches. An der Schnittstelle zwischen den jugendlichen Teilnehmenden und der Projektkoordination sind sie mit der direkten Projektumsetzung betraut. Eine gute Beziehung zu den Jugendlichen ist das A und O, wie Janina Rüther es beschreibt, die Coach an der Diesterweg-Oberschule Chemnitz war: „Das Spannende daran war, dass wir, die Coaches, eine Autorität gegenüber den Jugendlichen hatten, aber trotzdem ihre Freunde waren. Ich kann dieses Projekt daher jedem weiterempfehlen, der auch so einen guten Einblick in internationale Jugendarbeit gewinnen will.“

Ein Ansatz, der Verbreitung finden soll

Auch anwesend beim fünfjährigen Jubiläum des Projekts waren Partnerorganisationen aus sieben Ländern. Aneta Dawidziuk von der Associação Spin in Lissabon, Portugal, zeigte sich sehr begeistert vom wir weit weg-Ansatz. Ihre Organisation war Partner bei einer internationalen Jugendbegegnung, die 2017 bis 2018 im Rahmen von wir weit weg entstanden war: „Wir haben unsere Jugendlichen aus der Nachbarschaft ins Projekt integriert. Sie leben oft unter erschwerten Bedingungen, haben es nicht so leicht. Viele von ihnen saßen noch nie in einem Flugzeug, hatten ihren Heimatort noch nie verlassen. Die Wirkung auf sie war unglaublich. Da waren Leute dabei, die sich noch nie für irgendetwas Gesellschaftspolitisches interessiert haben. Sie kamen zurück und wollten plötzlich in ihrer Nachbarschaft aktiv werden.“

Im Nachgang der Geburtstagsfeier wollen Organisationen aus Portugal, Finnland, Griechenland und Polen nun eine Strategische Partnerschaft entwickeln, um sich intensiver zu Best Practices der partizipativen internationalen Jugendarbeit am Beispiel von wir weit weg auszutauschen.

Die Finanzierung ist eine der wichtigsten Gelingensbedingungen für wir weit weg

Damit ein solches Projekt wie wir weit weg, welches maßgeblich von einem Träger der außerschulischen Jugendarbeit koordiniert und durchgeführt wird, langfristig und erfolgreich funktionieren kann, braucht es vor allem eines: strukturelle Förderung durch verlässliche Finanzierung. Dies legt vor allem die wissenschaftliche Evaluation durch die Medienkompetenz- und Aneignungsforschung dar, als es um die Gelingensbedingungen des Projekts ging: „Im Hinblick auf die Projektumsetzung ergab die Auswertung, dass der inhaltlichen sowie organisatorischen Vorbereitung der Gruppentreffen und des Programms bei der Jugendbegegnung eine entscheidende Rolle zukommt. Daher sollten bei der Planung des Projektes genügend zeitliche und finanzielle Ressourcen eingeplant werden, um alle Projektinhalte, mit Blick auf die Bedürfnisse der Zielgruppe, inhaltlich sowie didaktisch gestalten zu können“, so Julia Nickel und Jasmin Röder im Auswertungsbericht zur Evaluation des Projekts.

Dass durch die Coaches viel ehrenamtliche Arbeit geleistet wird, ist klar. Ohne dieses Engagement wäre das Projekt auch nicht möglich. Jedoch wäre es aus rein ehrenamtlicher Kraft nicht zu stemmen, wie auch Bernd Böttcher von der Initiative Austausch macht Schule darlegt: „Hochachtung vor dem Anteil an ehrenamtlichem Engagement, der bereits jetzt im Projekt steckt. Ich halte es für schwierig, eine anhaltend hohe Qualität bei drastischer Kostensenkung bieten zu wollen. Das wird nicht funktionieren und müsste am Ende durch viel unbezahlte Arbeit kompensiert werden.“

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: https://wirweitweg.org

Das Projekt wir weit weg wird gefördert vom Amt für Jugend, Familie und Bildung der Stadt Leipzig, dem Innovationsfonds des Kinder- und Jugendplan des Bundes (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), sowie der Robert Bosch Stiftung. Die meisten im Projekt entstehenden internationalen Jugendbegegnungen werden gefördert von Erasmus+ JUGEND IN AKTION.